Ansteckungsherde. Die deutsche Bakteriologie als wissenschaftlicher Rassismus, 1890-1920 – Paul Weindling

Obwohl die Bakteriologie sich als zivilisatorisch-aufklärerisches Unterfangen versteht, befruchten sich politische Verhältnisse und Wissenschaftssprache gegenseitig mit rassistischen Tendenzen, die im ersten Weltkrieg stark zunehmen und letztendlich in der Politik und Sprache des dritten Reiches ihren menschenverachtenden Höhepunkt finden. Der Medizinhistoriker Paul Weindling vollzieht diese Entwicklung und die Gründe dafür in Deutschland und Europa nach. Er konstatiert dabei, dass die Arbeit der Hygieniker, mit dem Ziel, Seuchen auszumerzen oder zu verhindern als wesentliche Stütze der imperialistischen Bestrebungen des deutschen Kaiserreichs fungiert. Das macht wiederum die Bakteriologie empfänglich für rassistische Tendenzen. Die Angst vor der Einschleppung von Seuchen wie PestCholera und Fleckfieber durch Auswanderer aus Osteuropa, die oft vor zaristischem Terror fliehen, bahnt sich nach und nach den Weg zu politisch unerwünschten Personengruppen. Dem „Bazillenjäger“ Koch und seinen Kollegen geht es letztlich, die Bakteriologie kann zu großen Teilen als ein Ableger der Parasitologie gesehen werden, um die Vernichtung krankheitsübertragender Organismen. Auch wenn sie selbst kein Interesse an der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit erkrankter Personen zeigen, wissen bestimmte politische Strömungen, sich die Sprache der Bakteriologie für ihre eigenen Zwecke anzueignen. Die von Koch angestrebte Sterilisation von Bakterien trägt den Funken in sich, an dem sich später eugenische Bestrebungen entzünden können. Die Hygiene- und besonders Entlausungsmaßnahmen, die Einwanderer in die USA auf Ellis Island über sich ergehen lassen müssen und die Vorbild für die Behandlung von Auswanderern aus dem Osten in Deutschland sind, werden dabei oft als medizinisch nutzlos oder zumindest als überzogen kritisiert. Die Cholera-Epidemie, die 1892 in Hamburg ausbricht, verstärkt antisemitische Tendenzen in der deutschen Politik und Bevölkerung. Die Hygienemaßnahmen, die eigentlich auch dem Schutz der Auswanderer selbst dienen, werden immer restriktiver. Während des ersten Weltkriegs arbeiten deutsche Amtsärzte im besetzten Polen noch mit Rabbinern zusammen, um Fleckfieberepidemien in ihren Gemeinden zu verhindern. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil viele der klassischen Entlausungsmaßnahmen (Haare scheren etwa) für orthodoxe Juden besonders übergriffig und entwürdigend wirken. Die Furcht Österreichs vor Progromen, die aus dem allgemeinen Antisemitismus erwachsen könnten, führt die Politik dazu, die jüdische Bevölkerung in Lagern in Sicherheit zu bringen, die bezeichnenderweise bereits „Konzentrationslager“ genannt werden. Historisch kontingente Umstände von Völkerwanderung und Krieg schaffen also letztlich das Klima, in dem sich ein bakteriologischer Rassismus entwickeln kann, der zu den bekannten fürchterlichen Folgen für Deutschland und letztlich die ganze Welt führt.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

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